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Zum Tod von Ursula Sigismund
Ein Nachruf von Iris Anna Otto
„Nein, nicht hundert! Höchstens neunzig!“ – In ihrer schönen, gut lesbaren Handschrift steht die Widmung auf der ersten Seite eines ihrer Bücher, das aufgeklappt vor mir auf dem Tisch liegt. Die 1912 in Danzig geborene Schriftstellerin Ursula Sigismund hat sich recht genau an das selbst gesteckte Ziel gehalten. Im Alter von 91 Jahren ist sie am vergangenen Samstag in der Stadt gestorben, die Heimat ihrer Kindheit und Jugend war – in Weimar.
Dort leitete ihr Vater, ein Vetter Friedrich Nietzsches, 25 Jahre lang – bis 1945 – das Nietzsche-Archiv. Der liebevoll-kritischen Auseinandersetzung mit ihm, der wenige Monate nach Kriegsende von einer russischen Dolmetscherin zu einem Verhör abgeholt wurde und den sie nie wiedersehen sollte, galt auch ihr letztes Buch: „Denken im Zwiespalt“ (LIT Verlag, Münster, 2001). So haben sich die Kreise Ursula Sigismunds geschlossen.
Dazwischen gab es ein Leben in Darmstadt. 1955 flüchtete sie mit ihren fünf Kindern aus dem deutschen Staat, der ihren Ehemann, Volker Sigismund, aus politischen Gründen inhaftiert hatte, in die BRD. Über Hamburg als Zwischenstation gelangte sie nach Südhessen. Hier lebte sie bis zu ihrem 90. Geburtstag im Sommer 2002, hier begann sie, die immer schon „heimlich“ geschrieben hatte, sich als Schriftstellerin ernst zu nehmen und an die Öffentlichkeit zu treten.
Für das Manuskript ihres ersten Romans („Bedrängte Zeit“) erhielt Ursula Sigismund 1963 den mit 20.000 Mark hochdotierten „Deutschen Erzählerpreis“. Und mußte trotzdem noch 25 Jahre lang auf seine erstmalige Veröffentlichung warten. Andere Titel erschienen zuvor, so ihr zweiter Roman „Grenzgänger“ (1970), die illustrierte Reiseerzählung „Immer geradeaus, Madame“ (1971), ihr „einziger Bestseller“, wie die Autorin einmal bemerkte, „nämlich heiter!“ Ihm folgten die Kurzgeschichtensammlung „Gepäckaufbewahrung“ (1974, Reprint 2002), der autobiografische Roman „Zarathustras Sippschaft“ (1977, Reprint 1992) und die Lebensgeschichte der Malerin Suzanne Valadon "Montmartre" (1981, Reprint 1997), pünktlich zum achtzigsten Geburtstag schließlich der letzte Roman „Das alte Haus am Hang“ (1992). – Aus allen Büchern, auch und gerade denen mit ernstem Hintergrund, spricht ein feiner Humor, eine leise Ironie: Mittel, Abstand zu schaffen, ohne zu trennen.
Beim Blättern finde ich die Textstelle wieder, die Ursula Sigismund im Kopf hatte, als sie die eingangs erwähnte Widmung schrieb. „Du wirst hundert Jahre alt, sagt mein Mann, weil du dich vor keiner Arbeit drückst. Schauderhaft, antworte ich, ab heute drücke ich mich.“ – Das aber hat Ursula Sigismund in ihrem Leben nie getan.
19.07.04, DARMSTÄDTER ECHO
Charlotte Wolff: Augenblicke verändern uns mehr als die Zeit. Eine Autobiographie. Kranichsteiner Literaturverlag 2003
Charlotte Wolff: Späte Liebe. Roman. München: Frauenoffensive 2003
Von Eva Rieger
Dies ist keine „normale“ Rezension, die aus der gesicherten Distanz des heimischen Schreibtischs entsteht, sondern sie betrifft die Lesbenbewegung in ihren ersten Anfängen Mitte bis Ende der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, und damit auch mich persönlich. Ich war dabei, als unsere Lesbengruppe beschloß, die Psychologin und Schriftstellerin Charlotte Wolff nach Berlin einzuladen, und unsere Freude war groß, als sie zusagte. 1973 war „Psychologie der lesbischen Liebe“ (1971 als "Love between Women" in England) erschienen. Heute würde man einiges darin bekritteln; damals war es für viele Lesben ein Rettungsanker, weil sie darin den Lesben „Normalität“ zusprach und die alten Thesen von der Perversion und dem krankhaften Verhalten vom Tisch wischte. Wir waren daher gespannt darauf, sie kennenzulernen, und wir sollten nicht enttäuscht werden.
Am Schluß ihrer jetzt wieder erschienenen Autobiographie geht Charlotte Wolff auf diese Begegnungen in Berlin ein. Für die emigrierte Jüdin war es nicht leicht, nach Berlin zurückzukehren, und man erfährt viel über ihre diesbezüglichen Ängste und Vorbehalte. In ihren Erinnerungen beschreibt Wolff ihr wechselhaftes Leben als deutsche Jüdin, Ärztin, Psychologin und Wissenschaftlerin. Erfrischend ist die Offenheit, mit der sie über ihre Liebe zu Frauen berichtet – Kraft schöpft sie aus der Bestimmtheit, mit der sie schon als Kind spürte, daß sie sich zu Frauen hingezogen fühlte. Intensive emotionale Erfahrungen begleiteten sie ihr Leben lang.
1897 als Tochter jüdischer Eltern im damaligen Westpreußen geboren, verbrachte sie ihre Jugend in Danzig. Mit drei Jahren verliebte sie sich in eine 16jährige Cousine. Im letzten Schuljahr begann eine Beziehung mit einer Frau, die sie zwar nicht liebte, aber begehrte: „Vor allem waren es ihre Hände, die so sanft über mein Gesicht, meinen Hals, meinen ganzen Körper glitten, die mich so erregten, wie ich noch nie zuvor erregt worden war“ (S. 63). Nie erfuhr sie in ihrer Kindheit eine Zurückstellung als Jüdin, und ihre Liebe zu Mädchen wurde von den Eltern ebenfalls akzeptiert. „Etiketts wie ‚lesbisch‘, ‚hetero‘ oder ‚homosexuell‘ hatten in meiner Welt keinen Platz“ (S. 75). Sie bestand das Abitur mit Bravour und studierte in Königsberg, Freiburg und Tübingen. Ende der 20er Jahre arbeitete sie an der Klinik für Familienplanungs- und Schwangerschaftsverhütung der Allgemeinen Krankenkasse. Nach einer Verhaftung durch die Gestapo entging sie 1933 der sicheren Ermordung durch ihre Flucht nach Paris, wo sie mit Künstlern und Intellektuellen wie Picasso, Dora Maar, Man Ray, Antonin Artaud und andere Surrealisten in Kontakt kam. Sie zog dann nach England, wo sie bis zu ihrem Tod blieb. Es paßt zu ihrer entwurzelten Situation, daß sie sich wegen der Nichtanerkennung ihres Arztberufes im Ausland in eine kaum anerkannte Wissenschaft einarbeitete, die des Handlesens. Die Studie „The Hand in Psychological Diagnosis“ war „die Krönung von 19 Jahren Forschung, Versuchen und Irrtümern, Entdeckungen und harter Arbeit“ (S. 213) und brachte ihr nicht nur Lob ein, sondern auch zweifelhafte Spekulationen, derer sie sich erwehren mußte. 1952 erhielt sie endlich den offiziellen Status als Ärztin. Weiteres aus ihrem faszinierenden Leben soll hier nicht verraten, sondern empfohlen werden, sich selber darein zu vertiefen. Der Neuausgabe ist ein anrührendes Vorwort der Schriftstellerin Christa Wolf beigefügt, die über ihre Freundschaft und Korrespondenz mit Charlotte Wolff berichtet.
Zeitgleich mit ihrer Autobiographie wurde der Roman „Späte Liebe“ (englisch „An Older Love“, 1977 unter dem Titel „Flickwerk“ in Deutschland erstmals veröffentlicht) wieder aufgelegt, eine gute Entscheidung, da es nun möglich ist, Autobiographie und Roman parallel zu lesen. Der Roman ist eng mit dem eigenen Leben Charlottes verknüpft. So bezieht sie sich darin auf den malerischen Ort Malvern, wo im wirklichen Leben eine Freundin ein Anwesen kaufte, um mit der Partnerin Caroline dort zu leben. Charlotte wurde eingeladen und Caroline verliebte sich in sie. Ob es über die Zärtlichkeit hinaus zu mehr kam, wird nicht verraten. Man könnte daraufhin vermuten, der Roman sei langweilig. Wer heute eine Zeitschrift wie „Lespress“ aufschlägt und über Kneipen, Buchläden, Saunen, Versandhäuser, Stammtische, Jobs und Feten für Lesben erfährt, sich über Samenspender für kinderfreudige Lesben wie über Männer, die Lesben bei Bedarf auspeitschen, informieren kann, wird vielleicht Charlotte Wolffs Erzählung als harmlos empfinden. Doch wer mehr sucht, nämlich das Ausloten emotionaler Turbulenzen, die unter der Oberfläche pulsieren und die drei Menschen anhaltend beeinflussten; wer über die Konventionen der Zeit und deren verinnerlichte Zwänge mehr erfahren will, kann in diesem flüssig geschriebenen und gut übersetzten Roman viel erfahren.
Charlotte Wolff hat einmal die Frauenbewegung das bedeutsamste Geschehen des 20. Jahrhunderts genannt. Das mag übertrieben klingen. Bedenkt man jedoch, daß sie von der Überzeugung ausging, daß Menschen gezwungen werden, unter Masken zu leben, daß sie selten an den Kern ihrer wahren Identität stoßen und daß dies die Gesellschaft weitaus stärker prägt als alle politischen Maßnahmen, wird ihre Aussage nachvollziehbar. Welch ein riesiger Sprung ist in der Tat vom 20. ins 21. Jahrhundert gemacht worden - Geschlechtertausch, riesige Menschenmengen bei Christopher Street Days, Konsumsex auch für Frauen auf Abruf - einfach undenkbar vor einigen Jahrzehnten. Die Frauenbewegung hat einen nicht unbeträchtlichen Anteil an diesen Veränderungen gehabt. Wahrscheinlich hätte Wolff mit ihrem wachen Blick und ihrer besonderen Sensibilität Vorbehalte gegen diese Schnellebigkeit geäußert (fast alles ist gesellschaftsfähig geworden und wird in die Spaßgesellschaft integriert), aber auch aufgrund ihrer Offenheit und seismograpischen Beobachtungsgabe durchaus die Fortschritte registriert. Schade, daß diese großartige Frau nicht mehr bei uns ist. Sie starb 1986 in London.
13.11.2003 DARMSTÄDTER ECHO
Ausstellung: Dokumente zu Leben und Werk des Darmstädter Schriftstellers Ernst Kreuder
Von Johannes Breckner
DARMSTADT. 34,50 Mark von den Badischen Neuesten Nachrichten für „Hotelgast in Moskau“, 59 Mark vom Berliner Tagesspiegel für „Biertrinken gehen“. Nein, 1970 war kein gutes Jahr für den Geschichtenhandel, über den der Darmstädter Dichter Ernst Kreuder in einem Oktavheft säuberlich Buch führte. Der Schriftstellerverband musste die Beiträge stunden. Aber auch der literarische Ruhm bot in den letzten Lebensjahren kaum Entschädigung. Der 1903 geborene Kreuder, Büchnerpreisträger von 1953, jener Schriftsteller, dem es nach dem Krieg als erstem Deutschen gelang, mit der „Gesellschaft vom Dachboden“ ein Buch in England zu veröffentlichen, starb 1972, verbittert über die Gegenwart, anerkannt nur von wenigen. In seinem Nachruf schrieb Karl Krolow damals von Kreuders „Sehnsucht nach dem Unmöglichen“. Dokumente dieser Sehnsucht, Zeugnisse aus Kreuders wechselvollem Leben zeigt eine Ausstellung, die Wilfried F. Schoeller im Auftrag der Stadt Darmstadt zusammengestellt hat und die im Foyer des Staatsarchivs gezeigt wird. Kreuder „passte nicht ins Feld der Trümmer- und Heimkehrerliteratur“, sagte Schoeller am Dienstagabend zu Eröffnung. Aber die Ausstellung dokumentiert, dass er wenigstens unter Schriftstellern große Anerkennung genoss - zu sehen sind Briefe von Benn und Enzensberger, Hans Henny Jahnn oder Erich Kästner. Mit derlei Zeugnissen, hat Schoeller erfahren, könnte man eine ganze Ausstellung finden.
Die Ausstellung wurde vor allem aus dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach bestückt, das Kreuders Nachlass in 41 Kisten aufbewahrt; weitere Dokumente kamen aus dem Kreis der Familie, insbesondere von der Schwägerin Erika Kreuder. Man sieht den Dichter als jungen Mann, der sich mit entschlossenem Blick vor dem Spiegel selbst fotografiert. Man liest das Notizbuch der Balkanreise von 1926. Aufgeschlagen ist die Seite mit der Ankunft in Dubrovnik. Mittagsstunde in einem seltsamen Hausflur, Nachtruhe unter Olivenbäumen. Man liest, wie die Wehrmacht ihren Soldaten Kreuder sah: „Zurückhaltender und eigenwilliger Mann mit geistigen Interessen. Undurchsichtiger, im Grunde jedoch ordentlicher Charakter.“
Leicht hatte es Kreuder wohl nie: Nicht in den zwanziger Jahren, in denen er sich als Schriftsteller zu etablieren versuchte und beim „Simplicissimus“ in München landete, nicht in der Nazi-Zeit, in der er seinen Geschichtenhandel aufbaute, bevor er in den Krieg musste, nicht in den Nachkriegsjahren, in denen seine skurrilen und phantastischen Geschichten einen fremden Gegenentwurf boten zum handfesten Aufbau-Optimismus. In einer rational orientierten Zeit vertrat er eine Außenseiterposition. „Das Unverständliche besitzt für uns eine völlig andere Qualität als das Verständliche“, sagte er in seiner Büchnerpreisrede. „Es wird nicht vom Denken erfasst, sondern von der Phantasie.“
Johannes Breckner 13.11.2003 im DARMSTÄDTER ECHO
Liebe in Israel – Der Roman schildert eine schöne und schwierige Begegnung
„Schatten umarmen“ – zwei Worte umfassen das Buch wie selten ein Titel. Sie sind tiefgründig, bildhaft, sehnsüchtig, voller Hoffnung, und doch münden alle Bilder, alles Licht und Leben im Dunkel. Erzählt wird die Geschichte Katharinas, einer jungen Deutschen, die ihre Heimat verlässt, um nach Israel zu gehen und nie wieder zurückzukehren. Vom ersten Augenblick an ist sie fasziniert von diesem Land. Luft, Wärme und Licht, die Kulissen der Landschaft und ihrer Städte, die Gerüche, das Leben – sie saugt es mit allen Sinnen auf. Überall ist uralte Geschichte spürbar; aber auch die jüngste Vergangenheit, die das Verhältnis von Deutschen und Juden überschattet, und die Gegenwart Israels mit ihren Konflikten.
In diesem Umfeld begegnet die Deutsche Katharina der Israelin Lea. Alle gegenseitigen Vorbelastungen, die Verletzlichkeiten, die tiefsitzende Ohnmacht, Brücken über die deutsch-jüdische Vergangenheit hinweg zu bauen, werden überwunden durch ihre Liebe. Sie wächst über Grenzen und Konventionen hinweg, bis der gewaltschwangere israelisch-palästinensische Alltag alles wieder zunichte macht.
Es ist ein sinnliches Buch, geschrieben in einer klaren, knappen Sprache, mit Bildern voller Licht und Schatten. Hinter den Worten steht Unausgesprochenes, tun sich Dimensionen jenseits des Verstandes auf. Hilde Möllers Buch ist die Liebeserklärung an ein Land, die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe, einer gelebten Versöhnung, ist eine hoffnungsvolle Utopie, die die konfliktreiche Vergangenheit und Gegenwart nicht leugnet.
Die Autorin, 1936 geboren, hat 35 Jahre im Ausland gelebt, in verschiedenen Berufen gearbeitet und mit ihrem Mann sieben Kinder heranwachsen lassen, bevor sie 1992 mit Schreiben begann. Ihr erster Roman „. . . den Himmel mit Händen fassen“ erschien 2000 im Alkyon Verlag. Mit dem neuen Roman setzt der Kranichsteiner Literaturverlag seine kleine Reihe der Gegenwartsliteratur fort, die als Pendant der im selben Verlag erscheinenden Reprints Darmstädter Autoren heranwächst.
Heide Germann 8.7.2002
Darmstädter Echo, Mittwoch, 03. Juli 2002