| Anlass
zur Verlagsgründung im Jahr 1992 war der 80. Geburtstag der
Autorin Ursula Sigismund. Die einzige Chance, ihren
autobiographischen Roman Zarathustras
Sippschaft zu diesem Fest wiederzuhaben, war,
ihn selbst zu verlegen. Kathrin Hampf, damalige Vorsitzende der
Literaturinitiative Darmstadt e.V., fand zwei Partner, und der
"Kranichsteiner Literaturverlag" wurde gegründet.
Zum Verlagskonzept gehörte es von Anfang an, zu Unrecht
vergessene Bücher, die autoritäre Strukturen zum Thema
haben, neu aufzulegen.
Für
das äußere Erscheinungsbild der Bücher konnte die in
Griesheim lebende Malerin Beate
Koslowski gewonnen werden, die mit ihren
Titelbildern den inhaltlich anspruchsvollen Büchern einen
passenden Rahmen verleiht.
Ernst
Kreuder, einer der ersten deutschen Schriftsteller, die nach
1945 im Ausland breite Aufmerksamkeit und Anerkennung fanden,
wurde von Kathrin Hampf nicht durch Die
Gesellschaft vom Dachboden, sondern durch seine
Totenmaske, die im Gerümpel eines Gartenhauses lagerte,
entdeckt. Dieser glückliche Zufall wie auch die Bekanntschaft
mit Irene Kreuder ermöglichte die zweite Buchveröffentlichung
im KLV: Herein
ohne anzuklopfen.
Einer
Empfehlung von Katja Behrens ist die Wiederauflage des Titels Nein
– Die Welt der Angeklagten zu verdanken.
Dieser utopische Roman über den Untergang des letzten
Individualisten in einem totalitären Zukunftsstaat, von
Walter Jens im Alter von 26 Jahren geschrieben, war im März
1993, rechtzeitig zu dessen 70. Geburtstag, wieder lieferbar.
Aus
dem Jahr 1949 stammt die Geschichte Georg Hensels von einem
deutschen Soldat, der auf Posten einen russischen Soldaten
erschossen hat. Als die Nachtfahrt
neu aufgelegt werden sollte, war Georg Hensel sehr überrascht,
dann jedoch gerührt, daß "dieses alte Schätzchen"
das Verlagsinteresse geweckt hatte. Erschienen ist die Nachtfahrt
1994 zur Frankfurter Buchmesse und im Dezember auf der
Jahresbestenliste des Hamburger Abendblatts.
Im
Allgemeinen werden Reprints von der Presse mit dem Argument,
daß man ja damals bei der ersten Auflage schon rezensiert hätte,
kaum beachtet. Auch deshalb - aber natürlich nicht nur -
entstand der Entschluß, eine Reihe "Neue Literatur"
zu gründen. Was war naheliegender, als hier mit der Autorin
Iris Anna Otto zu beginnen, die alljährlich - mit großem
Erfolg - die Jubiläumslesung der Literaturinitiative
Darmstadt gestaltete! Und tatsächlich, bald war die zweite
Auflage von Salute,
Amore, Pesetas fällig.
Ist
von Expressionismus in der Literatur die Rede, so führt an
Kasimir Edschmid kein Weg vorbei. Anläßlich seines dreißigsten
Todestags wurde darum der 1920 veröffentlichte Roman Die
achatnen Kugeln im KLV präsentiert. Zur
Buchvorstellung in der Galerie Netuschil hielt Karlheinz Müller
einen spannenden und aufschlußreichen Vortrag über Werk und
Autor. Dazu kamen viele, nur die Presse nicht...
Der
85. Geburtstag von Ursula Sigismund stand bevor und der Band Montmartre.
Das Leben der Mutter Utrillos war schon eine Weile
vergriffen. So erschien diese Biographie im Juli 1997 unter
dem von Ursula Sigismund gewünschten Titel Suzanne
Valadon. Modell
und Malerin.
Kollege
wie auch enger Freund von Wolfgang Weyrauch war der Darmstädter
Schriftsteller Fritz Deppert, somit auch der ideale
Herausgeber einer Textsammlung. Das
war überall (1998) zeigt Weyrauchs
experimentelle Prosa, die von ihrer unmittelbaren Wirkung bis
heute nichts eingebüßt hat.
Seit
dem 1. Juli 1999 wird der Kranichsteiner Literaturverlag von
Kathrin Hampf alleine geführt. Er hat seinen Sitz nunmehr in
Pfungstadt, im Haus des Kunsthistorikers und
"Animalisten" Max Herchenröder.
Mit
der Verlagsübernahme wurde die CD Der
Dybuk übernommen, eine jüdische Legende,
nacherzählt und gelesen von Iris Anna Otto, mit musikalischen
Arrangements von Irith Gabriely und dem Classik meets
Klezmer-Ensemble.
Im
Herbst 1999 wurde die 1994 begonnene Reihe "Neue
Literatur" mit der Novelle Und
es fängt wieder an zu schneien von Matthias Herbert
fortgesetzt.
Gerhard
Zwerenz veröffentlichte 1980 den biographischen Roman
"Eine Liebe in Schweden" über Kurt Tucholskys
letzte Lebensjahre im Exil. Dieser Roman ist seit September
2000 im Kranichsteiner Literaturverlag wieder lieferbar. Für
die Reprintausgabe hat Gerhard Zwerenz den Titel Gute
Witwen weinen nicht gewählt.
P.J.
Hoffmann - Gründer, Autor und Ensemblemitglied des Kabaretts
Kabbaratz - schrieb der Verlegerin zum Geburtstag ein Gedicht,
da wollte sie mehr von ihm: Die
Zunge im Mixer ist der Titel seines literarischen Debüts,
seit Herbst 2001 im Verlagsprogramm.
Die
Neuauflage des Reprints Gang
durch das Ried von Elisabeth Langgässer ist maßgeblich
auf das Engagement von Beate Koslowski zurückzuführen. Der
KLV dankt der Malerin, dem Bürgermeister wie auch dem Optiker
der Stadt Griesheim für die Förderung dieser Ausgabe; den
Langgässer-Töchtern für das entgegengebrachte Vertrauen und
der Langgässer-Enkelin für ein wunderbares Vorwort.
Im
Mai 2002 wird der Roman Schatten
umarmen von Hilde Möller in der Reihe "Neue
Literatur" veröffentlicht. Hilde Domin ist begeistert
'wie lebendig das Land Israel und seine Bewohner geschildert
werden'.
Das
10jährige Verlagsbestehen und der 90. Geburtstag von Ursula
Sigismund werden am 9. Juli 2002 im Rahmen des Hessischen
Kultursommers und in Zusammenarbeit mit Agnes Schmidt (Luise-Büchner-Bibliothek
des deutschen Frauenrings) im Literaturhaus in Darmstadt
gefeiert. Der KLV gratuliert Ursula Sigismund mit der
Neuauflage von Gepäckaufbewahrung,
einer knapp 30 Jahre vorher erstmals veröffentlichten
Sammlung von Kurzgeschichten und Erzählungen.
Dieses
Jubiläumsfest ist gleichzeitig ein Verabschiedungsfest, denn
Ursula Sigismund siedelt wenige Tage später nach Weimar um.
Im
November 2002 tritt Kathrin Hampf - nach immerhin 15 Jahren -
vom Vorsitz der Literaturinitiative Darmstadt e.V. zurück. In
Erinnerung bleiben viele interessante Lesungen und Begegnungen
wie zum Beispiel mit Jehuda Amichai, Adelheid Duvanel, Peter
Finkelgrün, Swetlana Geier, Doris Gercke, Robert Gernhard,
Ralph Giordana, Elke Heidenreich, Walter Kempowski, Ursula
Krechel, Katja Lange-Müller, Jürgen Lodemann, Mirjam
Pressler, Ingrid Noll, Peggy Parnass, Marianne Sägebrecht,
Ginka Steinwachs, Uwe Timm oder auch Keto von Waberer.
Im
Herbst 2000 empfahl Iris Anna Otto ein Buch, das sie während
ihres Studiums in Marburg 'verschlungen' hatte: Augenblicke
verändern uns mehr als die Zeit von Charlotte Wolff. Nach
über zweijähriger Recherche ist diese Autobiographie endlich
im KLV wieder lieferbar. Zu danken ist Dr. Katharina Rist,
London, für die Recherche vor Ort und dem Netzwerk lesbischer
Ärztinnen "Charlotte e.V." für einen finanziellen
Zuschuß.
Pieke
Biermann war im Februar 2000 auf Einladung der
Literaturinitiative zu einer Lesung in Darmstadt, diesem
ersten Treffen folgte zwangsläufig das erste Buch, wenn auch
erst 2004. Gojisch gesehen
sind feuilletonistische Perlen, die Pieke Biermann für die Jüdische
Allgemeine geschrieben hat.
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